Die BTQ gibt es seit 1993. Wir sind ein eingetragener Verein. Unser Hauptziel ist es, Mensch, Natur und Technik im Land- und Gartenbau besser in Einklang zu bringen. Deshalb identifizieren wir uns mit den Grundsätzen des ökologischen Landbaus. Konkret arbeiten wir in den Bereichen:
- Standortgemäße Bodenbearbeitungssysteme
- Zusammenhang von Unkrautbiologie und Bodenprozessen
- Elektrochemische Bestimmung der Lebensmittelqualität
- Regionale Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte
- Probleme des Ländlichen Raums
- Leben und Werk von R. H. Francé
Interview von Immo Lünzer
Mit Fragen an Hartmut Heilmann, Vorstand BTQ
Rossdorf am Odenwald 10.09.2009
Immo Lünzer: Die BTQ geht jetzt ins Internet. Ändert sich damit auch etwas?
Hartmut Heilmann: Unser Hauptanliegen ist, unsere Leistungen und Termine besser zu kommunizieren.
Hat die BTQ ein Motto?
Unser Vorbild Raoul Heinrich Francé schrieb einmal: „Es genügt nicht, die Gesetze der Welt zu kennen, man muss auch nach ihnen leben.“ Das haben wir auch als Motto für die Neuherausgabe des Buches seiner Frau Annie: „Die letzte Chance für eine Zukunft ohne Not“ gewählt. Wir meinen nun: Die Naturgesetze sind noch gar nicht hinreichend erforscht. Da ist noch viel Arbeit übrig.
Auf Raoul Heinrich Francé müssen wir noch zurückkommen.
An Projekten steht sicher weiter die Distel im Zentrum?
Nein – die Systemforschung. Disteln, Quecke und Ampfer sind ja nur Zeichen dafür, dass der Boden nicht weiß, wohin anders mit seiner Kraft. Also muss man den ganzen Standort als System erforschen, damit man sich nicht selber zur Symptombehandlung verurteilt.
Mit einer solchen Wortwahl besteht die Gefahr, dass die BTQ sich isoliert.
Das mag vorübergehend so zu sein; aber der ökologische Landbau muss sich aus der babylonischen Gefangenschaft konventioneller Begriffe und Vorstellungen begeben. Ökologische Forschung braucht ökologische Paradigmen. Solange man ökologischen Landbau als „konventionellen Landbau unter Verzicht auf Düngersack und Spritze“ versteht, darf man sich nicht wundern, wenn die Ökologisierung nicht voranschreitet. Ökologische Systeme kann man nur ökologisch beschreiben und verstehen. Wenn der Mainstream der Forschung in der Sackgasse steckt, zwingt einen keiner, sich dem anzuschließen. Es wird sich schon zeigen, wer schließlich recht hat. Da darf man keine Angst vor Isolation haben.
Im Prinzip hast Du damit vielleicht recht. Aber was heißt das konkret?
Die Distelforschung war bisher davon geprägt, dass die Leute meinten, Pflanzen würden ihre Energie nur aus der Sonne beziehen; dann kann man Pflanzen, die zeitweise ihre gesamte Energie aus dem Boden bekommen, nicht einmal erforschen, geschweige denn verstehen. In der Natur gibt es das bei Orchideen, Scrophulariaceen und Pyrolaceen. Eine Reihe von ihnen braucht die Sonne überhaupt nicht zu ihrer Existenz und hängt von Lebensformen im Boden ab. Die Lebensformen im Boden, von denen die Distel in ihrer Existenz abhängt, haben wir zwar schon eingekreist, aber noch nicht identifiziert. In der Praxis können wir jedenfalls zeigen, dass die Schaffung guter Gare – zum Beispiel mithilfe des Stoppelhobels - zur Vertreibung lästiger Kulturbegleitpflanzen ausreicht; wissenschaftlich ist das noch unbefriedigend. Und da darf man keine Angst vor neuen Stichworten wie „Kräftekreislauf“, „Teilautotrophie“, „Rhizomdormanz“, Mikrosymbiont oder einer Weiterentwicklung biologisch-dynamischer Geisteswissenschaft haben. Das Ganze geht nur unter Kenntnis und Entwicklung des ökologischen Systemgedankens.
Wie kommt da die Qualitätsforschung der BTQ „ins System“?
Unser Arbeitskreis Qualität bearbeitet den elektrochemischen Zusammenhang zwischen Boden und Pflanze. Wenn die Redoxwerte im Boden höher sind, sind sie in der Pflanze niedriger.
Sorry - was sind Redoxwerte?
PH-Werte und Redoxwerte sind die beiden wichtigsten elektrochemischen Parameter; pH sagt etwas über das Gleichgewicht saurer zu basischer und Redox etwas über das Gleichgewicht oxidierender zu reduzierender Wirkungen aus. Unterschiedliche Redoxniveaus sind Grundlage elektrochemischer Qualitätsinterpretation. Die Konventionellen haben schon seit Generationen Kalk und Nitrat als oxidierende Substanzen in ihrer düngenden Wirkung berücksichtigt und ausgenutzt, aber sie konnten die Wirkungsgrundlage nicht verstehen. Wenn man Elektrochemie als Wirkungschemie versteht, wird deutlich, dass es auch hier einen Kräftekreislauf gibt. So wurden wir zum Entdecker des Elektrochemischen Düngungseffektes. Mit der Nährstofftheorie nach Liebig kann man nicht verstehen und begründen, wie eine stofflich unnötige Stickstoffdüngung noch den Ertrag erhöhen kann. Wenn man aber weiß, dass Schwarzpulver zu 75 % aus Kaliumnitrat besteht, kann man vielleicht ahnen, dass - bei stofflichem Nullbedarf! - darauf explosives Weizenwachstum beruhen kann. Die Konventionellen können natürlich die Batterieeigenschaften des Bodens nicht einmal denken; wir arbeiten daran. Auch in der Zukunft wird es alle zwei Jahre eine internationale Tagung „Elektrochemischer Qualitätstest“ geben. Nächstes Jahr machen wir anlässlich der 200. Wiederkehr des Todestages von Johann Wilhelm Ritter, dem Begründer der Elektrochemie zum „Ritterjahr“.
„Batterieeigenschaften des Bodens“ hört sich schon fremd an.
Die Fremdheit liegt bei den Menschen. Wenn man die Wirklichkeit zur Grundlage der Bewusstseinsentwicklung macht, geschehen schon zunächst unvorstellbare Sachen. In der Wirklichkeit wirkt, was auch in uns wirkt. Physiologische Selbsterkenntnis ist Grundlage und wächst mit der Beobachtung der physiologischen Ordnung um uns. Das überwindet die Fremdheit.
Raoul Heinrich Francé hat doch in seinem Buch „Bios – die Gesetze der Welt“ seine sieben Weltgesetze formuliert. Reichen die heute nicht mehr aus?
Francé hat sich den Notwendigkeiten seiner Zeit gestellt. Die von ihm formulierten Gesetzte reichen heute nicht mehr aus. Der Francé-Arbeitskreis hat eine Waldgruppe gebildet, welche an Fragen, wie der Autoregulativen pH-Wert-Normalisierung arbeitet. Auch dieses Stichwort ist für die Öffentlichkeit eine Zumutung; die glaubt, der pH-Wert im Boden wäre allein eine Kalkfrage. Im Herbst 2010 wollen wir in Dinkelsbühl wieder Francé-Medaillen verleihen; die Auslobung wird vorbereitet. Wir müssen uns den Notwendigkeiten unserer Zeit stellen.
Um die Sache ein bisschen abzurunden: Was ist Dein Lieblingswitz?
Trifft abends der Schutzmann einen, der immer unter der Laterne herumläuft und auf den Boden schaut. Fragt er ihn: „Hast du was verloren?“ – Antwortet der andere: „Ja, meinen Schlüssel.“ Denkt der Schutzmann scharf nach und fragt: „Wo hast du ihn wohl genau verloren?“ – „Na, zwischen der Kneipe und daheim.“ „Und warum suchst du dann nur hier?“ Kommt die zornige Rückantwort: „Weil ich doch nur hier etwas sehe!“
Aber der ist doch alt!
Vielleicht, aber man muss halt regelmäßig prüfen, ob das Geisteslicht, was es schon gibt, wirklich ausreicht, um offene Fragen zu beleuchten. Darauf kann man sich nicht verlassen. Meinst Du, die von den Konventionellen vorinstallierten festen Laternen reichen aus? Vielleicht muss man das Licht ja auch erst im Austausch mit den Problemen selber entwickeln? Jedenfalls muss man es immer wieder neu prüfen!
Was ist deine Hauptsorge?
Meine Hauptsorge ist, dass die Zerstörung der organischen, sozialen und kulturellen Lebensgrundlagen noch schneller voranschreitet. Täglich werden bei uns 114 ha Land zubetoniert und die Bundesrepublik ist in Getreideeinheiten der größte Agrarimporteur in der Welt. Da darf nichts passieren. Die BTQ führt mit dem Ausschuss „Ländlicher Raum der Evangelischen Landeskirche Bayern jährlich die Tagung „Ländlicher Raum“ durch; im Jahr 2010 am 6. und 7. Februar.
Was sind deine Steckenpferde?
Musik und Arbeit am Stein.
Musik hast du ja schon im Uni-Orchester Gießen gemacht. Was ist „Arbeit am Stein“?
Fossilien sammeln und aus dem Stein präparieren. Stein steht für das Symbol des Harten, das sich einer Bearbeitung widersetzt. Ich kann Dir bei Gelegenheit meine Saurierknochen aus dem Keuper zeigen. Die Vorurteile der konventionell geprägten Zeit (Unkräuter muss man bekämpfen; pH-Wert ist eine Kalkfrage; es gibt nur Nährstoffe, keine Nährkräfte usw.) sind härter als jeder Stein. Also übe ich mit Hammer, Stahl und Säure am Stein, um Vorstellungen bearbeiten zu lernen.
Für diese harte Arbeit wünsche ich Dir und der BTQ viel Glück und Erfolg.
Immo Lünzer (BTQ) ist Träger der Raoul Heinrich Francé-Medaille, war von 1979 - 2004 Geschäftsführer der Stiftung Ökologie und Landbau und des Forschungsringes für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise, jetzt Vorsitzender des Archivs Ökologische Agrarkultur und ist als Buchautor und –herausgeber bekannt worden.